"Da weinte Jesus" Evangelium nach Johannes 11, 5
Liebe Leser,
nicht häufig sehen wir Männer weinen. "Du mußt tapfer sein", hieß es oft. Oder gar "Ein Mann weint nicht". Vielfach entwickelt sich dann bei den Jungen ein Schamgefühl, sodass diese selbst erwachsene Männer sich nicht mehr weinen wagen. Im Laufe der Zeit entstand so in der Gesellschaft ein anzufragendes Männerbild. Gleichzeitig haben andere nicht gelernt Männertränen auszuhalten. Doch warum sollten Männer nicht einmal einen Verlust, Einsamkeit oder gar ihre Wut mit Tränen ausdrücken können?
Selbst Jesus hat geweint! Der kürzeste Vers im Johannesevangelium, der uns Wochenspruch für März begegnet, berichtet dies. Auch wenn die meisten diesen Vers möglicherweise in die Passionsgeschichte einordnen würden, steht er doch bei der Lazerusgeschichte: Lazerus war gestorben und lag bereits im Grab. Jesus nannte Lazerus seinen Freund. Plötzlich war dieser nicht mehr da. In Jesus war eine Welt zerbrochen, vielleicht sogar das Vertrauen in seinen himmlischen Vater. Und vielleicht frug er sich, wie Gott solches zulassen könne. Immerhin wird Lazerus ein junger Mann gewesen sein, der sein Leben noch vor sich hatte! Nun aber war sein Leben zu Ende gegangen - Gemeinschaft zwischen ihm und Jesus wurde genommen. Darum weint Jesus.
Doch da geschieht etwas. Jesus nämlich war mit Martha und Maria, der Schwester von Lazerus, zusammen. Alle drei trauerten. Plötzlich aber muss Marta voll des Trostes gewesen sein, sagte sie doch zu Jesus, dass Lazerus immerhin bei der Auferstehung am Jüngsten Tag auferstehen werde. Allerdings antwortet Jesus: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben".
Ein Widerspruch? Gewiss nicht, denn Jesus verneint kein ewiges Leben nach dem Tod.Nur macht diese Szenerie mit Marta und Jesus deutlich, dass mit ihm bereits in dieser Welt neues Leben möglich ist: Wer sich auch in Momenten der Trauer zu Jesus hält, erlebt schon jetzt Momente aus der Ewigkeit! Auf diese Weise erschließen sich uns die Tränen Jesu nicht als Schwäche, sondern als Moment seines Mit-Seins und zugleich als Zufluss von ewig-göttlicher Kraft. Marta verspürt diese Energie, die selbst vom trauernden Jesus ausgehen: Jesus empfindet mit uns. Vo da an wusste sie, dass die Gemeinschaft mit Jesus ihr Leben hält. Selbiges gilt auch für uns: Wer weint, erwacht schon jetzt zu neuem Leben. Wer weint, erfährt Erleichterung, denn so löst sich, was verkrustet ist, und neue Sichtweisen werden frei. In Jesus sind uns selbst angesichts von Not und Tod Begegnungen mit dem Ewigen zugesagt! Selbst am Leben zerbrochene Menschen werden heute auferstehen, wenn sie gemeinsam mit Jesus ihr Leben neu wagen.
Eine segensreiche Passions- und Osterzeit wünscht
Ihr Pfarrer Jan Schober

