photo

Ich will dich rühmen, mein Gott und König,
und deinen Namen preisen immer und ewig;
ich will dich preisen Tag für Tag
und deinen Namen loben immer und ewig.
Aller Augen warten auf dich,
und du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit.
Du öffnest deine Hand und sättigst alles,
was lebt nach deinem Gefallen.
Psalm 145 in Auswahl

Merkwürdig, dass Lieben und Loben und Erlauben auf eine gemeinsame Sprachwurzel zuückgehen. Diese Wurzel bedeutet wohl "gernhaben" und darum "gutheißen". Was ist aber nun liebens– und lobenswert? Das ist vielfältig, dieses und jenes in dieser Welt erscheint uns liebens– und darum lobenswürdig. Doch wenn unser Sinnen nun von Gegenstand zu Gegenstand geht, von Situation zu Situation, und immer fragt: Ist es liebenswert und darum lobenswert, dann hängt schließlich alles daran, dass das Ganze liebens– und lobenswert ist. Das Ganze der Welt ermöglicht es dem einzelnen, liebenswert und lobenswert zu sein. Woraus leitet sich ab, dass das Ganze liebenswert ist? Dafür gibt es kein innerweltliches Darum. Das ist nur der Abglanz jenes eigentlichen Liebenswerten und Lobenswerten. Jener eigentlich Gute und darum Gutzuheißende – wer ist es? Der, im Lied von der Schöpfung fast bei jedem Tag sagte: Es ist gut, und am Schluss, am Sabbat, sagt: Es ist sehr gut. Wir nennen diese Schöpfungserzählung ein "Lied", denn das sagt man doch nicht nur: Es ist gut, es ist sehr gut – das kann man nur singen. Unser Psalm ist eine Widerspiegelung dieser Urerfahrung: Gott ist gut und darum zu loben. Hier ist eine Kreatur, die den Glanz zurückstrahlt. Alle Tage. Immer. Nicht nur am Feiertag – oder es ist eben alle Tage Feiertag. Da die Liebe alle Tage gilt, gilt auch das Loben alle Tage. Etwas ist dann die Schöpfung gar nicht, als ein Kosmos, der die Pracht Gottes abbildet. Die Kreatur wird nichts anderes sagen als: Gott ist groß...
Ich will dich erheben, mein Gott, Du König! Ahnen wir, was an Intimität sich ausspricht, in diesem scheinbar schlichten "mein Gott"? Hosea hat das empfunden – das Volk, das sich zu Gott bekehre, werde sprechen: "Mein Gott" (Hosea 2, 25). Nein, jenes Kreuzeswort Jesu hat mit diesem "mein Gott" genauso Vertrauen ausgesprochen wie die Kreuzesworte der beiden letzten Evangelien. "Mein Gott" zu sagen, das heißt, immer stärker dessen inne zu werden, dass Er groß ist. Dazu bereit zu sein, Ihn immer größer sein zu lassen. Ich finde wirkliches Maß erst, wenn ich Seine Größe rühme. Dann strahle ich Seinen Glanz zurück. "Gott ist groß" was kann es dann bedeuten, zu sagen, wir sind klein? Versuchen wir es so. Unser Dasein hier ist bedingt, ist unentwegt angewiesen auf bestimmte Voraussetzungen. Auf die Luft, auf das Wasser, die Wärme, auf das Brot und auf den Wein. Es scheint so, dass wir Herren der Erde seien, indem wir sie unseren Zwecken unterwerfen. In Wirklichkeit aber ist unser "Herr–Sein" über die Erde nur ein Zeichen unserer Abhängigkeit von ihr. So hat man immer wieder in der Welt die Erde zu einer Gottheit gemacht, von der wir leben, ohne die wir gar nicht sein können: die Erde, die Materie, die Natur. Eine ambivalente Größe, die uns gebiert, aber auch wieder verschlingt. Nun kommt es darauf an: Es ist ohne Frage richtig, dass wir ganz angewiesen sind auf die Erde und ihre Gaben; sind wir damit angewiesen auf eine Macht, die ihrer selbst unbewusst ist? Die aus einer unbewussten, ungewollten Fülle uns ins Dasein stößt und im Dasein erhält und dann wieder verschlingt? Dem Beter dünkt es nicht so zu sein. Die Macht, von der wir leben, muss tiefer sein als die unbewusste Erde. In allem Hunger, der nur materiell gestillt werden kann, spricht sich eine Erwartung aus, die über alles Materielle hinweg geht. Das fängt schon darin an, dass das Getränk eben nicht nur Wasser bleibt, sondern zum Wein wird. Wein stillt nicht nur den physischen Durst, sondern eine Tiefe anderen Durstes. Ein Durst nach Freude, nach Wohlgefallen, nach Sinn. In der Gabe der Erde, verwandelt durch die menschliche Arbeit, erscheint das Brot, aber in diesem Brot erscheint uns Gott.
In unserem Angewiesen sein auf die Gaben der Erde, die auch Frucht menschlicher Arbeit wird, gibt es keine Lücke, die uns zu entwischen erlaubte. In, mit und unter den Gaben begegnet uns der, der dies alles will, der die ganze Welt will. Gabe der Erde – Frucht menschlicher Arbeit – Träger stillenden Segens.

Peter Heidrich1


1Assoziationen, Gedanken zu biblischen Texten, Band 8, herausgegeben von Walter Jens, Radius-Verlag Stuttgart, 1980


zurück zur Menüleiste